Teufelsritt nach Guyana

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Abschied von Fordlandia

Ein echter Teufelsritt: von Fordlandia mit dem Boot nach Santarem, von Santerem mit dem Flieger nach Manaus, von Manaus 11 Stunden mit dem Bus nach Boa Vista im Norden Brasiliens, von dort mit dem Bus nach Bomfim an die Guyanische Grenze. Dort geht es wie immer schnell, unversehens lande ich im Taxi und es geht über eine neue Brücke nach Guyana: die brasilianische Passkontrolle ist (nicht selbstverständlicherweise) freundlich. Die Guyanische zieht sich ewig, Machtgehabe in Uniform gehört zum Ritus. Dann bin ich da, in Lethem, Guyana. Nicht das Französische. Das Englische, das aber ohne dieses Attribut auskommt. Sie sprechen allerdings Englisch, so eine Pidgeon-Variante.

Auf der Reise habe ich mal wieder einen der schlimmsten Orte passiert: den Busbahnhof in Manaus. Hatte ich von vor vier Jahren genauso höllisch in Erinnerung. Ein schreiender einbeiniger verrückter Wanderprediger zählt dort noch zu den angenehmen Erscheinungen. Die Wartehalle ist ein dunkles Loch, um den Busbahnhof lungern unglaubliche Kreaturen und campieren die Indios. Alles umgeben von einem mehrspurigen Fahrbahngewirr und unzähligen Bruchbuden. Sehr anrührend: die kleinen Indo-Straßenkinder spielen mit Bauklötzchen die gleichen Spiele wie mein kleiner Neffe in Düsseldorf. Und doch werden ihre Wege so verschieden sein. Kurzzeitig schallte durch den Bahnhof das Lied des „Phantom der Oper“: „Sing Vögelchen sing“, schrie ich dem Wanderprediger zu. Entsprechend der Wartesaalbesatzung war auch die Busbelegschaft. Uiuiui, manchmal ist es hart die Komfortzone zu verlassen. Gottseidank musste ich einen guten Teil der Nachtfahrt auf dem Busklo verbringen, so blieb mir mein ungewöhnlich erscheinender und riechender Sitznachbar erspart. Sind wir ehrlich: Wahrscheinlich dachte er das selbe von mir. Jetzt bin ich in Lethem, diesem staubigen Städtchen, in Rupununi, Guyanas Hinterland. Brasilien, warum verließ ich Dich?

Manaus aus dem Flieger mit dreckigem Fenster

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Lethem

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Mit Gruselfaktor: der Friedhof von Fordlandia

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Ich in der Kantine, Originalmobilar

Ich suche den Friedhof, natürlich. Tief im Wald ist er. Ich finde ihn nicht, will aufgeben und kehre um. Nach einer Weile treffe ich fünf eislutschende Jungs, die nach Schulende in eine weiterentferne Siedlung laufen. Ich frage nach den Friedhof, sie schicken mich wieder in die Richtung, aus der ich kam. Ich erkläre, es sei ganz schön matschig auf dem Weg und deute auf meine Schuhe mit 3 Kilo Matschklumpen dran. Sie schauen auf meine Schuhe, ich auf ihre Füße: alle barfuß. Wir lachen 5 Minuten Tränen. Que stupido touristo. Der Friedhof von Fordlandia war schon früh in den 20-er und 30-er Jahren rege besucht. Besser belegt. Die amerikanischen Gräber sind weg, die der Brasilianer noch da. Die Steinkreuze stehen schief herum, liegen gestapelt aufeinander. Es weckt in meiner deutschen Sensibilität unangenehme Assoziationen nach Massengräbern.

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Belterra: gib Gummi 

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Ich fahre nach Belterra.  Das ist ein von den Amerikanern ab 1934 aus dem Boden gestampfter Ort, rund 15 Kilometer von Alter do Chao.  Man sieht dem Ort die US-Gene an: eine gerade Ortshauptstraße wie ein Strich. Die ganz Anmutung einer amerikanischen Vorstadt. Waagrechter Holzbau an den Hausfassaden bedeutet original amerikanisch, erklärt mein Super-Guide Thiago. Er spicht perfekt englisch,  ist sehr intelligent und erklärt mir alles bis hin zum brasilianischen Wahlrecht. Zur Historie des Ortes: Nachdem das Fordwerk (Fordlandia) im Dschungel schlecht lief,  erhoffte sich Ford vom Kautschukanbau zur Gummiherstellung unter vermeintlich besseren Bedingungen in Belterra mehr Erfolg.  Nach ein paar Jahren war auch dieser Traum ausgeträumt. Vorzustellen ist sich der der Ort mit Wohnparzellen an der großen Straße, etwa wie in den Zechenstädten.  Größere Häuser für (amerikanische) bessere Angestellte, kleinere Wohnungen für die Arbeiter. Thiago hat mindestens ebenso großes Interesse wie ich.  Wir studieren im Archiv die Originalbaupläne, wo waren welche Wohnungen, Metzger, Werkstätten, Krankenhaus? Wir gehen die Häuser ab, teilweise schöne Wohnhäuser, teilweise zerfallen. In vielen Verwaltungsgebäuden sind städtische Ämter.  Wir gehen durch die Werkstätten, die Maschinen stehen verstaubt da, nebenan werden jetzt Schulbusse repariert und der zerlegte Riesen-Weihnachtsmann wartet auf seinen nächsten Einsatz auf dem Dorfplatz.. Am Schluss gehen wir in Henry Fords Haus.  Ich küsse sein original Waschbecken.  Er selbst war ja nie dort.

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Vom Tageswerk der Menschen

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Man fragt sich ja, so als Europäer mit vorgeblicher Fürsorge und dem Fetisch numerischer (Wachstums)Ergebnisse: Warum leben die Leute so abgelegen und wovon und was machen die eigentlich so den ganzen Tag? Erstes ist meint familär bedingt. Zweiteres: Die Menschen machen und produzieren alles mögliche.  Tila arbeitet im Dorfladen, nachvollziehbar. Andere produzieren Artikel aus Gummi vom Kautschukbaum. Im Workshop lernt man das sehr schön. Marivaldo ist Dschungel-Wanderguide und Waldbauer.  Viele Minijobs zum Auskommen quasi, wie beim Journalisten. Das, was dort für mich als beliebiger Wald aussieht, hat Kultur.  Aus der Andiroba-Frucht, ein Mahagonigewächs, wird Öl gepresst und gekocht. Dass dieses Öl für alles gut ist von Faltenweg bis Magenreizung, versteht sich von selbst.  Zumindest fühlt es sich wunderbar zwischenzeit den Fingern an. Ich hoffe meine Wundern vergessen schneller. die körperlichen.  erzählen muss man: Diese Gegen wird vom Staat gefördert.  Auf den Häuser sind Stempel der Staatsbank und Stromversorgung gibt es erst seit gut 10 Jahren. Ich unterhalte mich darüber wie ein Kühlschrank das Leben ändert.  Ich bin da sehr erfahren. Vor meiner Abreise musste ich 24 Stunden ohne Kühlschrank auskommen (Altentsorgung / Neukauf). Ich kann dem brasilianischen Waldbewohner bestätigen: Es war eine schwierige Zeit!

Auf der Ölfarm

Beim Kautschuk-Workshop

 

Spieglein, Spieglein, tief im Wald

Wenn man für Friedlichkeit ein Synonym bräuchte,  dann wäre Alter do Chao geeignet. Wie so viele kleine Städtchen in Südamerika mit ihrer kleinen, feinen sozialen Infrastruktur. Mal geht man ins Wasser, mal in den Wald, tagsüber. Abends ins Städtchen, rund um den Dorfplatz sind Büdchen aufgebaut,  Cafés gibts natürlich auch soviel jonglierende Clowns. Na ja. Einen zumindest. Mein Stammkneipe rollt seine Leinwand aus, auf der Konzertfilme von 80er Jahre Rockgrößen wie Manowar oder ähnlich laufen und dröhnen.

Wie sehr ich Spiegelfotos mag,  erzähle ich bereits früher. Hier bin mal wieder im grün bewaldeten Spiegelparadies gelandet, zum Beispiel auf diesem Amazonasarm. Das erinnert mich an diese Escher-Bücher früher,  deren seltsame Bilder man nur unter Drogeneinfluss anschauen durfte. Auf jeden Fall ein schöner Start in den Tag!

Etwas affig und faul dazu

Alles überschwemmt. Aber macht nix. Von der Kirche schaut nicht mehr viel aus dem Wasser,  aber das ist irgenwie normal. Wir düsen über den Fluss Rio Tapajós, der fließt dann in den Amazonas. In der Trockenzeit sind hier bewohnte Gemeinden, jetzt Wasser. Vereinzelt sind die Häuser, auf Stelzen stehend mitten im Fluss bzw.  genauer Canal do Jari, noch bewohnt. Nicht nur von Delfinen und am Ufer stehenden langbeinigen Vögeln,  die immer wieder kurz grüßen. Wir, in diesem Falle zufälligerweise die 7-köpfige Besatzung unserer Pousada, steigen in ein Kanu und machen eine Rundfahrt durch einen überfluteten Inselwald.  In 30 Minuten sieht man mehr Tiere als im drei Tagen Dschungel in Ecuador, stellt der Ami-Kollege fest. Ich weiß, was er meint: verschiedene Affen,  Faultiere, Chamäleon, schwarze und paradiesisch bunte Vögel hängen, springen,  fliegen umher. Im nächsten Leben mag ich auch Faultier werden. Ich werde deshalb in diesem Leben dafür schon mal üben.

Wo ist das Chamäeleon?

Wo ist das Äffchen?

Wo ist das Faultier?