Das Inka-Wetter morgen: wechselhaft

Die Inkas hatten vier große Beobachtungs- und Heiligenstätten erzählt der Guide. Machu Picchu, Tawainaku (bei La Paz), in Cochobamba und „El Fuerte“ (Der Starke), hier in Samaipata. Genausgenommen waren die Inkas nur einen Bruchteil der Existenz dieser Stätte hier (1450-1550), wird wegen des Namens als solche vermarktet. Lange Zeit vorher (ab 400 nch Chr.) waren unter anderem Stämme aus Amazonien an diesem Ort, die Inka haben es dann quasi weiterentwickelt.Am Schluss suchten die Spanier verzweifelt nach Gold. El Fuerte ist eine langgezogene Steinplatte (220 x 65 Meter breit), auf der die Heiligenhandlungen stattfanden –typische Opferhandlungen wie Tier verbrennen gab es bei den Inkas übrigens eher nicht. Ich sehe die Eingangstüren zu den Behausungen wichtiger Inkaoberhäupter, ein paar Steinskulpturen. Denn Sonnenkalender stellen wir uns vor und den Rest der Anlage gleich mit. Erst ein Bruchteil der Anlage ist ausgegraben. Eigentlicher Star des Tages: die Wetterkapriolen im Umland mit Unwetter in der Ferne, Sonne, Lichtspielen und Regenbogen.

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Nationalpark Amboro: Von Stacheldraht und Ameisenpisse

Beim Abstecher in den Nationalpark Amboro sind die Riesenfarne die Attraktion. Sie wachsen 1 (einen) Zentimeter im Jahr, bei 10 Metern Höhe, bis 15 Meter sind moeglich, sind sie also, äh, uralt. Wie immer lernt man viel über Pflanzen und ich merke mir wenig. Bei über 60 % Luftfeuchtigkeit ist der Marsch eine Rutschpartie. Der eigentliche Höhepunkt folgt am Stacheldrahtzaun am Parkausgang. Wir tanzen Limbo unter dem Zaun hindurch, eine der Maries tritt in einen Ameisenhaufen, die überfallen sie wie eine wildgewordene Horde Hunnen. Unser Führer Carlos nimmt zur gleichen Zeit den Weg über den Zaun, ein Ast bricht ab und er hängt in Baum und Stacheldrahtzaun, seine Hose reißt im Zeitlupentempo. Währenddessen führt Marie Kriegstänze bei Ameisen-Angstgejohle auf und Carlos schreit immer, „die machen nix“. Die eine leicht zerbissen, der andere mit in Fetzen runterhängender Hose, machen wir uns auf den Heimweg.

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Samaipata: Hippie-Oase im Grünen

Die Aussicht von vom Hostel ist Klasse: Samaipata ist ein Städtchen wie gemalt auf 1700 Metern Höhe, rund 120 km oder 3 Stunden von Santa Cruz. Ein bisschen rausgeputzt, mit den klassischen Kleinstadtstrukturen, Kirche, Hauptplatz, Markt, will man am Tourismus teilhaben und ist bei Hippies gerne gesehen.  Tourenangebote gibt es im Übermaß-theoretisch-, die meisten Touren finden mangels Nachfrage aber nicht statt. Alles sehr relaxt und entspannt. Ich trinke erstmal im Leben bolivianischen Rotwein („Kohlberg“), der recht schwer ist. Nachdem ich Nachschub gekauft habe, weil ich eine Flasche zerschlug –welche Schande-, sitze ich mit Kanadierinnen namens Marie&Marie auf der Hostelterrasse der Stadt und darf mich nicht beklagen. Hier ist es sehr undurchsichtig, wo es was zu kaufen gibt. Wir fragen uns nach einem Empanada-Laden durch. Die Haustüren, ähnlich wie bei Pferdeboxen, steht offen und man muss in die Geschäfte reinrufen, bei der Vermutung, dass es das Gewünschte gibt.  Die sehr freundlichen Empanada-Experten bereiten ihre Produkte frisch zu und  gespeist wird in einem kahlen Steinraum, der einem Verließ ähnelt. Nicht klassisch schoen, aber beeindruckend.

Botanischer Segen in Cotoca

Wallfahrt nach Cotoca im Sammeltaxi, um wöchentliche Portion Heiligkeit abzuholen. Hier hat die Jungfrau von von Cotoca ihr Lager aufgeschlagen und laesst sich verehren. Ansonsten ist Cotoca eine recht hübsche, kleine Stadt. Die Hauptplätze vor der Hauptkirche sind an diesen Orten immer wieder beeindruckend gepflegt.Auch wenn alles rundherum furchtbar aussieht, dieser Platz erscheint immer im Top-Zustand.

Auf dem Weg nach Cotoca dahin  der Botanische Garten von Santa Cruz. Der ist groß und ziemlich umwerfend, das hätte ich der Stadt jetzt kaum zugetraut. Überhaupt gibt es sehr viele Parks mit Naturerlebnisthemen. Auf dem Mirador, einem Holzhochstand im Botanischen Garten, stehen eine nette Wärterin und ein netter Waerter und erzählen aus ihrem aufregenden Parkleben. Ich nicke ein. Nein: Die Botaniker lieben ihren Job wirklich. Was nun nicht bei vielen Bolivianern den Anschein hat.

 

Santa Cruz: Nationalpark gesucht

Angekommen in Santa Cruz, der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes, so groß wie München. Im Gegensatz zum sehr traditionellen La Paz in Höhenlage geht es hier eher tropisch zu. Das trifft -in Grenzen- auch auf die eher unterkühlten Bolivianer zu. Der Platz vor der Kathedrale ist wirklich ausgesprochen schön. Der Markt wahnsinnig groß und umtriebig. Nun bin ich hierhergekommen, um den Nationalpark Amboro zu besuchen. Und nicht wegen der Autoabgase, die einen halb ohnmächtig zurücklassen. Ich glaube, die fahren mit Gas hier, in den Gassen ist die Luft krass unangenehm.

Aktuell gibt’s aber keine Tour, akuter Touristenmangel. Das war so nicht abzusehen und ist sehr enttäuschend. Ich muss mir ein neues Reiseziel suchen. Zum Trost gehe ich ins „Museum“. Neben der romantischen Blumenmalerei einer Künstlerin mit deutschem Namen, sieht aus wie auf dem Bauernmarkt in Mühldorf am Inn, gibt es eine Ausstellung „Modernes Russland“. So klein wie die auf Pappe geklebten Fotos sind, so kleingeistig ist die Ausstellung inhaltlich.  Zusammengefasst hat Russland den 2. Weltkrieg quasi im Alleingang gewonnen, ist der weltweit modernste Staat und gewann alle Olympischen Goldmedaillen. Und Putin hat eine eigene Bildergalerie, auf den Fotos reitet er wahlweise, ist Pianist oder streichelt Wildkatzen.

Um nach diesem kulturellen Höhenflug runterzukommen gehe ich erstmal auf den Friedhof. Diesmal aber ein Armenfriedhof. Er liegt neben den Slums am Fluss. Dessen braune Wasserfarbe sieht so trostlos aus, wie die ganze Umgebung ist. Wenn es Hochzeitsfotografen gibt,  sollte es nicht auch Beerdigungsfotografen geben? Ich melde mich freiwillig.

Verwunschene Orte: heute Strandclub

Da komme ich doch glatt an einem verfallenen Strandclub vorbei. ich liebe das zu fotografieren, wie der eine oder andere weiß. Man kann sich so viele Geschichten vorstellen, was alles los war an diesem Ort. Und jetzt: wie vom Blitz getroffen stehen gelassen und die Natur verleibt sich langsam alles ein.

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Drum krabbel ich aufs Gelände und beginne meine Fotomission. Ein Wachmann erscheint, ich besänftige ihn mit einem Obolus. Leider lässt der Wachmann das Tor auf, eine Familie kommt. Sie beschimpfen denn Wachmann als besoffenen Nichtsnutz, man hätte den Sachverhalt anders formulieren können, und die Stimmung ist im Arsch. Wachmann ruft Polizei (er tut zumindest so, ob er wirklich Guthaben hatte?), ich verzipfel mich schnell.

 

Slumdog Fisherman

Das Wetter wird angenehmer am Rio Parana in Concepcion, die Angler stehen am Ufer Spalier. Fischen bzw. Angeln ist in dieser Gegend am Flussrand das Hobby schlechthin. Abgesehen vom Mopedfahren, bis zu vier Leute quetschen sich auf ein Gefährt und rauschen durch Gassen bzw. am Fluss entlang.

 

Während bei uns Flussufer meistens Luxuswohnung bedeutet, ist es hier das Gegenteil. Ich laufe damit direkt die äußere Slumstraße entlang. Alles sehr feucht und schmutzig. Es scheint, dass die mitunter kolonial angehauchten Bauten irgendwann mal ein  „normaler“ Vorort gewesen sind. Die Menschen, vermutlich mehr und weniger arm gemischt, sind auf jeden Fall unglaublich nett. Viele wollen fotografiert werden, fast alle winken und wenn sich von hinten ein Moped langsam nähert ist das nicht um den Rucksack zu klauen – wie in Buenos Aires. Dann sind die Mitfahrer einfach zu dick und das Gefährt kommt nicht mehr schneller vorwärts.

Viele Angler sitzen auf Boten, wem die gehören bleibt mir unklar. Ich unterhalte mich etwas, „Heil Hitler“ schallt es vom Boot, lange nicht gehört. Ich bemerke, dass es heutzutage in Deutschland „Hallo“ heißt. „Hallo Hitler“, ja, das ist viel besser. Ich muss mit den Anglern gegrillten Fisch essen. Dass der nebenan geangelt wurde, wo die Abwasser des Slums reinlaufen – auch geschenkt. Ich mag eh keinen Fische, der für mich schmeckt wie Straussenanus im Dschungelcamp. Muss ich durch im Sinne der Völkerverständigung. Die Menschen in Concepcion gehören zu den freundlichsten, die ich auf Reisen treffen durfte.

Flucht nach Concepcion

Zuerst wollte ich möglichst schnell in den Chaco, dann wollte ich möglichst schnell weg. Es regnet sintflutartig, die Straßen einzige Schlammgruben. Wobei der Donner nachts, vermutlich durch die freien Flächen der Natur, faszinierend grollt. Natürliches Süßwasser gibt es übrigens nicht im Chaco, man ist auf das Regenwasser angewiesen. Meinen geplanten Bus nach Bolivien kann ich wegen der Osterfeiertage ohnehin vergessen. Deshalb: Ausweg nach Concepcion, der Perle des Nordens.

Völlig durchnässt sitze ich im schäbigsten Bus ever. Es regnet rein, meine Socken dampfen. Meine Mitfahrerschaft ist der Altherrenknast auf Junggesellenabschied. So sieht es zumindest aus, eine Horde betrunkener Indianer, deren Alk-Ausdünstungen sich mit dem Urinduft der sich nicht schließen wollende Bustoilette vereint. Also, sogar das Kinderparfüm meiner Nichten, roch besser. Nach 6 Stunden erfolgt die Ankunft in Concepcion. Im weiterhin strömenden Regen will ein Taxifahrer seinen Reibach zu machen. Ich wünsche ihm nichts böses, er wird ohnehin bald das zeitliche Segnen. Wird er vorher noch seine Führerscheinprüfung ablegen? Noch älter als er ist sein Schrottauto, alles was man anfasst –man möchte das nicht freiwillig tun- fällt ab. Wir rumpeln und Stottern mit 20 km/h die Straße runter zum Hotel. Später weiß ich: ich hätte lieber im Taxi übernachtet. Dennoch: Ist Concepcion in der Regenpause nicht super-fotogen?

 

Kleine Geschichtsstunde Paraguay

An diesem Ort waren bestimmt noch nicht allzu viele Touristen. Was soll ich sagen: Macht nichts. Fort Boquerin, am Arsch der Welt im Chaco, das mich etwas an die Savannen Südafrikas erinnert, ist eine Art Ruhmesmuseum für Paraguay als Sieger des Chaco-Krieges gegen Bolivien. Ich kämpfe nur erfolglos gegen Mücken und einen halsabschneiderischen Jeepfahrer. Meine Lieblingsflora, wie sollte es anders sein: der Flaschenbaum.

Für Paraguay mag das wichtig sein, ich kann mich für die paar Statuen, Gräben und Kanonen mäßig begeistern. Wenn man die Landesgeschichte kennt, kommt zumindest Verständnis auf. Durchaus öfters wird von Paraguayern erwähnt, dass man als Nation eigentlich viel größer und wichtiger sei. Man kann das in etwa mit Deutschland oder Österreich vergleichen. Im Triple-Allianz-Krieg (1864-70) gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay hatte sich Paraguay völlig übernommen. Geschlagen blieb ein fast an Männern ausgerottetes Land zurück, dass große Staatsgebiete an die Sieger abgeben musste. Deshalb ist man so stolz, dass man im Chaco Krieg (1932-35) gegen Bolivien zumindest wieder Land gewann, wenn auch kein fruchtbares. Aus diesem Grund stehen überall Siegesstatuen im Land. Bolivien, nach dem Salpeterkrieg ein Binnenstaat, träumte davon, einen Meereszugang zum Atlantik zu bekommen. Satz mit X.

 

Frau Unger bitte in die Milchwarenabteilung!

Im klimatisierten, vollgestopften Mega-Supermarkt in Paraguay umherwandelnd steht auf einem Schild: „Bitte wiegen Sie die Bonbons in der Milchwarenfachabteilung ab!“ Du ahnst: Du bist in Filadelfia im Chaco, Nordparaguay. Ich kam um 5 Uhr morgens im Dunkeln mit dem Bus an und die Alki-Indianer-Prominenz der Stadt nahm mich fürsorglich in Empfang. Leider bin ich ausnahmsweise um diese Uhrzeit nüchtern.

Später statte ich den Mennoniten einen Besuch ab, die die Stadt begründeten. „Guten Morgen“ heißt es und ich bekomme eine Führung der Extraklasse durch die Museen der Stadtgründung, Naturkunde, Mennonitengeschichte allgemein und im Chaco speziell. Auch eine Klasse der deutschen Schule schaut vor den beginnenden Osterferien vorbei und ich darf ein paar Fragen beantworten. Zum Beispiel, weshalb ich gerade hier bin. Die Führung ist mega-kompetent und ich bin aufrichtig interessiert. Ich meine, wofür bin ich sonst die 8 Stunden Bus gefahren? Es wird Plattdeutsch gesprochen, das Hochdeutsch ist aber kein Problem und ich würde den Wortschatz der Museumsführerin auf die Top20% der deutschen Bevölkerung schätzen. Einen kleinen Akzent wie damals die Oma in der Dr. Oetker Werbung für russischen Zupfkuchen pflegen sie hier.

Die Kolonie Fernheim (Teil vom heutigen Filadelfia) wurde 1930 gegründet. Viele der ersten deutschstämmigen bzw. deutsche Kultur pflegenden Familien waren aus Russland, aber auch Polen, Deutschland und China übergesiedelt. Hier machte man unfruchtbares Land fruchtbar, zum Beispiel gediehen Erdnüsse gut. Mennoniten mussten, ja immer recht viel umsiedeln, zwangsweise. Jetzt, also 1930, flohen sein vor der bolschewistischen Revolution und Stalin. Wenn der Zug aus Russland das „Rote Tor“ nach Lettland, siehe Bild, durchfahren hatte, war man mehr oder weniger in Sicherheit. Deshalb diese symbolhafte Bedeutung dieses in Filadelfia nachgebauten Tores. In Deutschland keine Ikone, wird Hindenburg geschätzt, weil er die Flucht nach Südamerika unterstützte. So heißt die Hauptstraße in Filadelfia heute Hindenburgstraße.

Beim Besuch habe ich inzwischen das Gefühl, die Ureinwohner, verschiedene Indianerstämme, erobern sich ihre Gebiet bzw. die Stadt wieder zurück. Es erinnert fatal an Alice Springs in der Mitte und Wüste Australiens. In den Ecken kauern betrunkene und fertige Indianer (familien). So 100% wohl fühle ich mich deshalb in Filadelfia nie – auch wenn die Bewohner jeglicher Kultur alle ausgesprochen freundlich sind.