Kleine Geschichtsstunde Paraguay

An diesem Ort waren bestimmt noch nicht allzu viele Touristen. Was soll ich sagen: Macht nichts. Fort Boquerin, am Arsch der Welt im Chaco, das mich etwas an die Savannen Südafrikas erinnert, ist eine Art Ruhmesmuseum für Paraguay als Sieger des Chaco-Krieges gegen Bolivien. Ich kämpfe nur erfolglos gegen Mücken und einen halsabschneiderischen Jeepfahrer. Meine Lieblingsflora, wie sollte es anders sein: der Flaschenbaum.

Für Paraguay mag das wichtig sein, ich kann mich für die paar Statuen, Gräben und Kanonen mäßig begeistern. Wenn man die Landesgeschichte kennt, kommt zumindest Verständnis auf. Durchaus öfters wird von Paraguayern erwähnt, dass man als Nation eigentlich viel größer und wichtiger sei. Man kann das in etwa mit Deutschland oder Österreich vergleichen. Im Triple-Allianz-Krieg (1864-70) gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay hatte sich Paraguay völlig übernommen. Geschlagen blieb ein fast an Männern ausgerottetes Land zurück, dass große Staatsgebiete an die Sieger abgeben musste. Deshalb ist man so stolz, dass man im Chaco Krieg (1932-35) gegen Bolivien zumindest wieder Land gewann, wenn auch kein fruchtbares. Aus diesem Grund stehen überall Siegesstatuen im Land. Bolivien, nach dem Salpeterkrieg ein Binnenstaat, träumte davon, einen Meereszugang zum Atlantik zu bekommen. Satz mit X.

 

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Frau Unger bitte in die Milchwarenabteilung!

Im klimatisierten, vollgestopften Mega-Supermarkt in Paraguay umherwandelnd steht auf einem Schild: „Bitte wiegen Sie die Bonbons in der Milchwarenfachabteilung ab!“ Du ahnst: Du bist in Filadelfia im Chaco, Nordparaguay. Ich kam um 5 Uhr morgens im Dunkeln mit dem Bus an und die Alki-Indianer-Prominenz der Stadt nahm mich fürsorglich in Empfang. Leider bin ich ausnahmsweise um diese Uhrzeit nüchtern.

Später statte ich den Mennoniten einen Besuch ab, die die Stadt begründeten. „Guten Morgen“ heißt es und ich bekomme eine Führung der Extraklasse durch die Museen der Stadtgründung, Naturkunde, Mennonitengeschichte allgemein und im Chaco speziell. Auch eine Klasse der deutschen Schule schaut vor den beginnenden Osterferien vorbei und ich darf ein paar Fragen beantworten. Zum Beispiel, weshalb ich gerade hier bin. Die Führung ist mega-kompetent und ich bin aufrichtig interessiert. Ich meine, wofür bin ich sonst die 8 Stunden Bus gefahren? Es wird Plattdeutsch gesprochen, das Hochdeutsch ist aber kein Problem und ich würde den Wortschatz der Museumsführerin auf die Top20% der deutschen Bevölkerung schätzen. Einen kleinen Akzent wie damals die Oma in der Dr. Oetker Werbung für russischen Zupfkuchen pflegen sie hier.

Die Kolonie Fernheim (Teil vom heutigen Filadelfia) wurde 1930 gegründet. Viele der ersten deutschstämmigen bzw. deutsche Kultur pflegenden Familien waren aus Russland, aber auch Polen, Deutschland und China übergesiedelt. Hier machte man unfruchtbares Land fruchtbar, zum Beispiel gediehen Erdnüsse gut. Mennoniten mussten, ja immer recht viel umsiedeln, zwangsweise. Jetzt, also 1930, flohen sein vor der bolschewistischen Revolution und Stalin. Wenn der Zug aus Russland das „Rote Tor“ nach Lettland, siehe Bild, durchfahren hatte, war man mehr oder weniger in Sicherheit. Deshalb diese symbolhafte Bedeutung dieses in Filadelfia nachgebauten Tores. In Deutschland keine Ikone, wird Hindenburg geschätzt, weil er die Flucht nach Südamerika unterstützte. So heißt die Hauptstraße in Filadelfia heute Hindenburgstraße.

Beim Besuch habe ich inzwischen das Gefühl, die Ureinwohner, verschiedene Indianerstämme, erobern sich ihre Gebiet bzw. die Stadt wieder zurück. Es erinnert fatal an Alice Springs in der Mitte und Wüste Australiens. In den Ecken kauern betrunkene und fertige Indianer (familien). So 100% wohl fühle ich mich deshalb in Filadelfia nie – auch wenn die Bewohner jeglicher Kultur alle ausgesprochen freundlich sind.